GRANITI MURALES
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under the patronage of the Municipality of Graniti
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Cu' nesci, arrinesci

schwarze Lava
fällt von deinen Schuhen
im Haus der Großmutter
auf die roten Terrakottafliesen
die sie gekehrt hat
heute Morgen erst gekehrt hat
und die Sonne geht auf
auf und zieht über den Bannagaggi und nimmt die Nacht fort
verheißt erneut
heißes, dichtes Licht
über den flachen Dächern
sandfarben, ockergelb
sanft in ihrem Rot
das Gackern der Hühner im Dorf
von deinem Balkon hörst du es
vor deinem alten Zimmer
geschwungenes Eisen in Anthrazit
die Farbe blättert ab
ist längst oxidiert
Sprünge in den bemalten Fliesen
noch immer sagst du
du seist es nicht gewesen
erzählst ihr
noch immer
dieselben alten Geschichten

und die Hunde bellen
und die Kirchenglocken läuten
(immer vier Minuten zu spät)
und irgendwann zieht die Stimme des Besenverkäufers
durch das Dorf
wie der Geruch von frischem Brioche
aus der Pasticceria von Tanina
du hast ihn nie gesehen
den Mann mit den Besen
nur gehört

und die Alten vor ihren Häusern
in denen sie geboren sind und sterben werden
murmeln und sitzen
im Rauschen ihrer Geschichten
im Girren und Lärmen des Radios
le belle parole
ogni giorno, la vita scorre
in den engen Gassen
ein Labyrinth
das nur findet, wer es kennt
das auf Erinnerungen gebaut ist

zweihundert Jahre zerfallen diese Steine schon
ohne, dass es jemand merkte
vielleicht
weil hier der Oleander blüht
jedes Jahr
in ganzen Bäumen
weiß und pink

und weiß und braun
sind die winzige Blasen
auf die du Zuckerkristalle streust
mit einem winzigen Löffel
rührst du im Cappuccino
an der Tankstelle
klebrige Kreise auf der Gazzetta
die Tür schwingt auf
und jemand, den du immer schon kennst
sagt: Buongiorno!
hier man kennt einander
auch ohne Fassade
auch wenn die Steine zerfallen
kommt man zurück
zum Tag des Heiligen
ein Feuerwerk
Sternenexplosionen
über dem Berg
über dem Friedhof
alles ist erleuchtet in dieser Nacht
(auch die Ruinen)
in der San Sebastiano seine Kirche verlässt
und man zurückkehrt
mit Neuem
Kindern, einem Haarschnitt
oder einem neuen Mann
vielleicht

in der Mittagshitze
sind die Fensterläden geschlossen
hängen die Müllsäcke noch immer
an den Schnüren
von den Balkonen
wie letztes Jahr
und in den Ruinen wachsen Feigenbäume
und Bougainvillea
groß wie Häuser
und duften
ein Geruch nach gebratenem Fisch
Pasta und Tomatensauce
ein Stück Pizza
ein frischer Arrancino
Fett tropft auf den Aluminiumteller

golden bricht die Kruste
und Reis perlt heraus
und Spinat und Käse
gesättigt dein Blick jetzt
ein schneller caffè
in der Bar an der Piazza
wo die alten Männer sitzen
und rauchen
und du fragst dich, wo ihre Ehefrauen sind

vielleicht bei den Nachbarn
die abends
wenn die Sonne das Tal verlassen hat
und das einzige Licht jenes in den Häusern,
in den Laternen der Hauptstraße ist
vor der Pasticceria sitzen
und die Vorbeigehenden grüßen
auf ihren Plastikstühlen sitzen sie
an ihren Schuhen
schwarze Lava
im Duft von nächtlichem Jasmin
in der Gasse

so still ist es hier
selbst die weiße Katze
hat nichts und niemanden
vor dem sie davonlaufen könnte
in einem Fenster
siehst du Beine
ein Einzelbett
einen einfachen Holztisch
das Kreuz an der Wand
und der Fernseher läuft
hinter weißer Spitze

so still
wie dieser Vulkan
der über all dem ruht
so still
ohne, dass etwas geschieht
ohne Vorwarnung
alles bewegt
das Wetter, die Wolken
ewig raucht es dort
schwarzes Mondland
flüssiger Stein
ein Berg, der keiner ist
man lebt mit ihm
gleichsam oder gleich gültig
ob er sanft ist
(oder nicht)

weil er auch dies schenkt: Weinreben, Olivenbäume und Mandelbäume
und Tomaten, und Paprika und Auberginen
und den Männern Arbeit gibt
die vor ihren kleinen Lastern sitzen
und Melonen und Kaktusfrüchte verkaufen
frische Feigen
Tropfenfrüchte
aufgeplatzt
von den Ästen gerissen, verpflückt
liegen in deiner Hand
rau die Öffnung
wie der Schnabel der jungen Schwalben
über dem Dorf

und du trinkst Pfirsichsaft
und spuckst Melonenkerne
und stiehlst den weichen Kern aus dem Panino
heimlich
wie früher, am Strand
unter dem knallgelben Sonnenschirm
in deiner neongrünen Badehose
wo du Karten spieltest und Tischfußball
und im Dromokart fuhrst
immer schneller
als die anderen

heute liest du am Ufer
sitzt auf den Kieseln
im seichten Wasser
wiegst dich im Rhythmus der Wellen
der Kreise, der Gruppe
lässt dich ablenken
den Nachmittag fortschwatzend
im Gleichtakt sich umsetzend
dreht man sich auf den Sonnenstühlen
immer dem Stand der Sonne nach
und Musik plätschert von den Bars
versickert in den Stimmen der Kinder
so braun gebrannt von der Sonne
als lebten sie dort
am Strand
tagein, tagaus
finden immer neues Strandgut
prendi-la! prendi-la!
ruft das Mädchen mit den nassen dunklen Locken
und den Knopfaugen
ein Ebenbild ihres kleinen Bruders
und zieht eine Plastikflasche zwischen den Felsen hervor
da paura!
und gurgelndes Lachen und Spritzen

quello che è nostro, è nostro
sagen die Jungen
e basta
beim Fest der gefallenen Sterne
und essen süß gefüllte Cannoli
gebackenen Ricotta und Pferdewurst
scacchiata und gelato di sette veli
und granita di mandorle
sie sitzen im Rauch der Grillbuden
Junge und Alte gemeinsam
herausgeputzt, wie das Dorf
stelzen auf High Heels
auf Pflastersteinen, bergan
und kichern hinter Steinmauern
2000 Jahre und
man liebt sich noch immer
wie früher
Ninny, Sebastiana, Mariangela, ti amo
grazie per quello che mi hai fatto provare
néanche posso vederti sorridere
und später werden sie Paare
und heiraten und bekommen Kinder
so war es immer
so ist es gut
comu dicevunu li antichi

das einzige Lieben
das niemals aufhört
ist das der Mütter

das Kind an ihrer Hand
niemals dem Blick entschwindend
warte! höre! schau!
sie ruft dich: aspetta!
ein Kuss in die schwarzen Locken
der dich bei ihr hält
an ihrer Seite
bei jedem Schritt über die Straße
ist sie bei dir
und ihre Geschichte
klebt an der Sohle deines Stiefels
(auch die deines Vaters)
und deine Sprache trägst du vor dem Mund

gehst die Steinmauern entlang
wieder
und den Landesteg der Fähre hinauf
im Hafen von Messina
betrittst ein Schiff
das dich in einen neuen Hafen bringen wird
(wohin?)
die Zypressen haben dir schon
immer die Richtung gedeutet
nach oben
in einen Raum
(der Neues bereithält)
für deine Gedanken

mit diesem Himmel als Herkunft
mit diesem Horizont
wie könntest du verloren gehen?
ihr oder dir?
dir selbst?

dreibeiniges Glück
fließt in deinen Adern
(Reichtum)
teile ihn mit dieser Welt
(sie ist nicht böse, sondern groß)
sie ist ein guter Ort
glaube mir
versuch dich an ihr
an dir
finde deine Neugier
und dann erzähle Großmutter davon
von dieser Welt
von allem, das du erfahren hast
gehört, gefühlt, gekostet, gesehen, ertastet

davon erzähle ihr
von deinen neuen Gedanken
wenn du mit ihr vor dem Haus sitzt
und schwarze Lava
von deinen Schuhen fällt
auf die roten Terrakottafliesen
die sie gekehrt hat
heute Morgen erst gekehrt hat
als die Sonne aufging
auf und über den Bannagaggi zog
und die Nacht fort nahm
und erneut
heißes, dichtes Licht verhieß

wenn du nachhause zurückkehrst wieder
und wieder
und neue Geschichten bringst



© marianne jungmaier, graniti 2015
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